Die explosive Wut meiner Klientin
Mein letzter Gast auf der Gedankenbank war sauer. Richtig sauer.
Eine Dame, nennen wir sie Sabrina, hatte sich einen virtuellen Platz bei mir gebucht. Ihre Wut war sofort spürbar, ein explosiver Cocktail aus Frust, Enttäuschung, Ohnmacht und einem kräftigen Schuss Angepisstheit. Man konnte fast hören, wie der Druck in ihr kochte.
Sabrina, Anfang 40, hatte drei Tage lang intensiv an ihrer Bewerbung gearbeitet. Sie analysierte jede Formulierung, prüfte jedes Detail und stellte sicher, dass ihr Lebenslauf und Anschreiben perfekt auf die Stelle zugeschnitten waren. Jede Stunde konzentrierter Arbeit, jede Idee, jede kleine Recherche, alles floss in diese eine Chance. Voller Überzeugung, dass ihre Bewerbung überzeugen würde, drückte sie auf „Senden“.
Manchmal will ein Mensch nur ein einfühlsames Ohr; er oder sie muss nur darüber reden. Ein offenes Ohr und ein verständnisvolles Herz für sein oder ihr Leiden zu haben, kann ein großer Trost sein.
Roy T. Bennett
Wochenlanges Schweigen und dann die Standardabsage
Und dann passierte das, was so oft geschieht: nichts.
Wochenlang blieb das Telefon still, kein Signal, keine E-Mail. Nur die nagende Ungewissheit, die jeden Gedanken an die Bewerbung begleitete. Sabrina konnte sich kaum auf andere Dinge konzentrieren.
Nach zwei Monaten kam schließlich ein Schreiben – ein typischer Standardabsagebrief. „Wir bedauern … blablabla … gerne können Sie sich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal … blablabla …“
Sabrina war stinksauer. Selten habe ich eine Frau so fluchen gehört. „Sackgesicht“ und „Personalarsch“ waren noch die harmlosesten Worte, die ich zu hören bekam. Ihre Wut war pur, ehrlich und unzensiert.
Sie erzählte mir, dass sie ihre Situation sofort mit einer Erinnerung aus ihrer Jugend verband: Mit 18 stand sie stundenlang vor dem Spiegel, schminkte sich, wählte das perfekte Outfit und fixierte die Frisur mit Haarspray. Zum ersten Mal stand sie vor einem Club, hinter der Tür lag das Paradies, alles, worauf sie gehofft hatte, war greifbar. Und dann ertönten zwei winzige Worte:
„Du nicht!“
Keine Erklärung. Keine Erläuterung. Nur Ablehnung.
Parallelen zur Bewerbungsabsage
Genauso fühlte sich die Absage der Firma an: Enttäuschung, Selbstzweifel, Leere. Sabrinas innere Stimme war laut, jeder Gedanke drehte sich um die Frage: „Was habe ich falsch gemacht? War es meine Bewerbung? War es ich?“
Die Wut musste raus. Sie musste die Energie loswerden, die sich in ihr aufgestaut hatte. Also buchte sie einen Termin bei mir.
Die Befreiung durch die Gedankenbank
Sabrina erzählte, schimpfte, fluchte. Worte flossen einfach so aus ihr heraus, ungefiltert, ehrlich und roh. Ich ließ sie gewähren, hörte zu – und war innerlich erstaunt, wie viele Schimpfwörter es noch zu entdecken gab. Es war eine Mischung aus Katharsis und Humor, das Lachen kam zwischendurch, obwohl der Frust noch spürbar war.
Am Ende war Sabrina leichter. Sortierter. Der Ballast war raus. Ihre Worte zeigten, dass die Gedankenbank genau der richtige Platz für solche Momente ist:
„Das tat richtig gut. Danke, dass ich bei dir einfach unkontrolliert Druck ablassen konnte. Schimpfen, ohne dass jemand beleidigt ist. Meckern, ohne dass ein Streit daraus wird. Nun ist meine angestaute Wut weg und ich kann wieder normal denken.“
Wir verabschiedeten uns lachend und ich bedankte mich für diese sehr lehrreiche Schimpfwort-Lektion.
Sabrinas Beispiel zeigt, wie befreiend ehrliche Worte wirken. Wenn du genauer wissen möchtest, welche Stressreaktionen im Körper eigentlich ablaufen, wenn wir solche Emotionen ständig herunterschlucken, findest du in meinem Blog Gefühle unterdrücken tiefergehende Informationen.
Dein Raum für Wut, Frust und Erleichterung
Manchmal brauchen wir einfach einen Ort, an dem Dampf ablassen erlaubt ist, ohne dass jemand verletzt wird oder die Wut nachhallen muss. Die Gedankenbank ist genau dafür gedacht.
Was unterdrückte Gefühle mit einem machen können, kannst du auch in meinem Blogbeitrag „Gefühle unterdrücken: Was im Körper wirklich passiert“ nachlesen.
Wann hast du das letzte Mal so richtig geschimpft, ohne auf deine Worte achten zu müssen? Wann hast du das letzte Mal gespürt, wie erleichternd es sein kann, Frust einfach rauszulassen? Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, es auszuprobieren.
Am Ende des Tages definieren uns nicht die Absagen, die wir im Leben kassieren, sondern die Art und Weise, wie wir danach wieder aufstehen. Sie mögen im ersten Moment Frust auslösen, aber sie bieten uns auch die Chance, unsere Richtung zu korrigieren und gestärkt daraus hervorzugehen.